1892

Geburt

Geburt von Tetjus Tügel am 18. November in Hamburg.

1915

Torfhütte

Frühwerk „Torfhütte“ markiert die Hinwendung zu Moor-Motiven.

1916

Feldpostkarte

Eine 1916er Postkarte dokumentiert die künstlerische Produktivität im 1. Weltkrieg.

1922

Secession

Beteiligung an der Gründung der Hamburger Secession und regelmäßige Teilnahme an Kunsthallen-Ausstellungen bis 1933.

1923

Brunnenhof-Razzia

Polizeisturm auf das Worpsweder Künstler- und Maskenfest; legendärer Ruf „Hut ab vor dem Landvogt!“.

1924

Cubicuria

Ausstattung des „Cubicuria“-Almanachs mit Porträts der Hamburger Kunstszene.

1925

Beschlagnahme

Beschlagnahme eines Aquarells und Rückgabe erst nach Prozessende.

1928

Kommission

Gemälde „Die Kommission des Künstlerfestes“ für die großen Curiohaus-Feste.

um 1930

Marcus-Hütte

Planung/Entwurf der zurückgezogenen Arbeitsklause im Moor.

1934

Maienpredigt

Auftritt bei „Kunst und Leben“ in Hamburg mit der theatralischen „Maienpredigt“.

1930er

Künstlerfeste

Prägende Mitwirkung an den Hamburger Künstlerfesten im Curiohaus.

1940er

Worpswede

Worpswede-Bindung • Dauerhafte Prägung durch Landschaft, Boheme und Moor-Mythos.

1949

Tügel-Hügel

Bezug des „Tügel-Hügels“ bei Oese/Basdahl; Beginn des Romans „Ein Herz kommt um“.

1952

Rückkehrplan

Planung einer „Worpsweder geistigen Auferstehungsfeier“ – Rückkehrprojekt scheitert an Raumfrage.

1952

Buxtehude—Auftrag

Annahme der Rathaus-Wandmalerei als große Auftragsarbeit.

1953

Künstlerisches Rückblick

Selbstreflexion über Werk, Einsamkeit und Naturverbundenheit in Briefen.

1957

Künstlerischer Rückblick

Erscheinen der Erzählung “Drei Menschen Abseits”.

1958

Worpswede-Jubiläum

Große Jubiläumsschau in der Worpsweder Kunsthalle, 50 Jahre nach den Anfängen.

1960

Ausstellungspraxis

Regelmäßige Präsenz in Ausstellungen in und um Worpswede.

1973

Tod

Der Lebensweg schließt mit betonter Verbundenheit zu Moor und Mythos.

1973

Nachruf-Echo

Presse würdigt Pathos, Moor-Motivik und die Prägung durch Worpswede.

ZU VIELE TALENTE FÜR NUR EINE SCHUBLADE

Tetjus Tügel war Maler. Und Zeichner. Dichter, Schriftsteller, Musiker, Kabarettist und leidenschaftlicher Geschichtenerzähler. Vor allem aber war er jemand, der sich nur schwer auf eine Rolle festlegen ließ. 1892 in Hamburg geboren, verließ er die Schule ohne Abschluss und besuchte ab 1908 für einige Semester die Hamburger Kunstschule. Ein geradliniger bürgerlicher Lebensweg war offenbar nichts für ihn. Schon früh zeichnete, malte, schrieb und musizierte er – und entwickelte eine künstlerische Handschrift, die ebenso genau beobachten wie fantasievoll überhöhen konnte.

Diese Vielseitigkeit blieb sein ganzes Leben erhalten. Bei Tügel gehörten Wort und Bild zusammen: Was sich nicht zeichnen ließ, konnte zum Gedicht werden; was sich nicht sagen ließ, fand vielleicht seinen Weg in eine Landschaft, eine Figur oder eine groteske Karikatur. Sein Werk ist deshalb weniger eine gerade Linie als ein großes Geflecht aus Bildern, Geschichten, Erinnerungen und Stimmungen.

WORPSWEDE: LIEBE AUF KOMPLIZIERT

Als 17-Jähriger kam Tügel erstmals nach Worpswede – und fand dort einen Ort, der ihn nie wieder ganz losließ. Das Teufelsmoor war für ihn keine Postkartenidylle. Er sah darin etwas Wildes, Geheimnisvolles und Melancholisches: kahle Bäume, Nebel, dunkles Wasser, einsame Höfe und die Menschen, die in dieser Landschaft lebten.

Worpswede wurde für Jahrzehnte seine reale und innere Heimat – obwohl Tügel alles andere als sesshaft war. Er gehörte zur jüngeren, unangepassten Künstlergeneration des Ortes, feierte auf dem Barkenhoff, rezitierte, musizierte und war bei den legendären Zusammenkünften der „Weyerberger“ oft Mittelpunkt des Geschehens. Gleichzeitig zog er sich immer wieder zurück, beobachtete genau und verwandelte das Leben im Moor in Kunst. Schönheit und Verfall, Lebenslust und Traurigkeit lagen dabei erstaunlich dicht beieinander.

BOHEMIEN MIT FEINEM STRICH

Wer Tügel nur als stillen Landschaftsmaler erwartet, lernt schnell eine andere Seite kennen. In Hamburg gestaltete und prägte er große Künstlerfeste, trat als Kabarettist auf und las eigene Texte. Zeitgenossen erinnerten sich an einen Mann, der Räume mit seiner Energie füllen konnte: laut, charmant, exzentrisch, manchmal provozierend – und häufig ohne Geld.

Tügel liebte das Leben, aber er romantisierte es nicht. Seine Zeichnungen können zart und minutiös sein, seine Karikaturen dagegen bissig. Seine Texte wechseln zwischen Pathos, Humor, Sinnlichkeit und Selbstironie. Gerade diese Gegensätze machen ihn heute erstaunlich nahbar. Er war kein Künstler, der souverän über den Dingen stand. Er zweifelte, übertrieb, verliebte sich, scheiterte, begann neu – und machte aus all dem Kunst.

Vielleicht erklärt das auch, warum sein Werk so persönlich wirkt. Tügel beobachtete nicht aus sicherer Entfernung. Er war selbst Teil der Geschichten, die er erzählte.

ZWISCHEN FREIHEIT UND DUNKLEN ZEITEN

Tügels Leben führte durch zwei Weltkriege, die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus und die ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik. Im Ersten Weltkrieg wurde er eingezogen und unter anderem in Warschau eingesetzt. Danach begann eine besonders produktive und bewegte Phase zwischen Worpswede, Hamburg und zahlreichen weiteren Stationen.

Auch die politischen Veränderungen der 1930er-Jahre hinterließen Spuren. Tügels Kunst passte nicht ohne Weiteres in die ideologischen Vorstellungen der Nationalsozialisten. 1937 wurden Arbeiten von ihm als „entartet“ aus öffentlichen Sammlungen entfernt. Sein eigenwilliges, oft widersprüchliches Verhältnis zu Natur, Mensch und Gesellschaft ließ sich kaum für einfache Botschaften vereinnahmen.

Parallel zur bildenden Kunst wurde das Schreiben immer wichtiger. Tügel verfasste Gedichte, Erzählungen, Romane und Kabaretttexte. Seine norddeutsche Welt taucht darin immer wieder auf – nicht als heile Heimat, sondern als Bühne für große menschliche Fragen: Liebe und Einsamkeit, Freiheit und Vergänglichkeit, Sehnsucht und die Suche nach einem Platz im Leben.

„ICH HABE EINE GROßE ZUKUNFT HINTER MIR.“

Im Alter wurde Tügel ruhiger – aber nicht unbedingt milder. Lebenslust und Melancholie, die sein Werk von Anfang an geprägt hatten, blieben seine Begleiter. Er blickte zunehmend kritisch auf die moderne Welt und zugleich zurück auf Landschaften, Menschen und Erfahrungen, die für ihn längst Teil einer verlorenen Zeit geworden waren.

Sein später Ausspruch „Ich habe eine große Zukunft hinter mir“ klingt zunächst wie eine bittere Pointe. Doch er passt erstaunlich gut zu einem Künstler, dessen Leben stets zwischen Selbstbewusstsein und Selbstzweifel pendelte.

1973 starb Tetjus Tügel. Geblieben ist ein ungewöhnlich vielseitiges Werk – und eine Persönlichkeit, die sich bis heute einer einfachen Einordnung entzieht. Vielleicht liegt genau darin ihr Reiz: Tügel war widersprüchlich, unbequem, empfindsam, komisch und manchmal maßlos. Kein Künstler für eine Schublade – sondern einer, bei dem es immer noch etwas zu entdecken gibt.