Tügel-Lexikon
150 Begriffe zu Leben, Sprache, Kunst und Werk. Wählen Sie ein Thema oder entdecken Sie das Lexikon Abschnitt für Abschnitt.
Leben, Zeit & Museum
8 BegriffeBlinktürmer / Leuchttürmer
Der Wärter eines Leucht- oder Blinkturms, der Lichtanlage und Mechanik bedient. Alf Hilversen und später Jörk Fang üben in „Das Ebenbild“ diesen einsamen, nächtlichen Beruf aus.
Dampfbarkasse
Ein kleines Verkehrs- oder Beiboot mit Dampfantrieb. In „Das Ebenbild“ bringt eine weiße Dampfbarkasse die Post zu den Dörfern hinter den Deichen.
„Entartete Kunst“
Ein menschenverachtender Propaganda- und Kampfbegriff der Nationalsozialisten für moderne Kunst, die nicht in ihr Weltbild passte. Er darf nicht als neutrale Stilbezeichnung verstanden werden. 1937 wurden fünf Werke Tügels aus öffentlichen Sammlungen beschlagnahmt; drei davon wurden zerstört.
Hamburgische Sezession
Eine 1919 gegründete Vereinigung moderner Hamburger Künstlerinnen und Künstler. „Sezession“ bedeutet Abspaltung: Solche Gruppen lösten sich von etablierten Kunstinstitutionen und deren Auswahlregeln. Tügel gehörte zu den Gründungsmitgliedern und wirkte später auch an ihren Künstlerfesten mit.
Nachlass
Alles, was nach dem Tod eines Menschen an persönlichen und schöpferischen Unterlagen erhalten bleibt: etwa Manuskripte, Briefe, Skizzen, Fotos und Dokumente. Bei Tügel ist der veröffentlichte und unveröffentlichte Nachlass wichtig, weil viele Texte, Lebensstationen und Werkzusammenhänge noch daraus erschlossen werden können.
Seefahrerkasse
Eine Spar- oder Versorgungseinrichtung für Seeleute und ihre Familien. Pitter Fang bewahrt dort einen Teil seiner Ersparnisse auf.
Vagant / Vagabund
Ein Vagant ist ein umherziehender Mensch, ursprünglich oft ein fahrender Schüler, Sänger oder Dichter. „Vagabund“ klingt später stärker nach einem Menschen ohne festen Ort. Die Biografie fasst Tügels Unterscheidung schön: Der Wanderer hat Ziel und Richtung, der Vagabund keines von beiden.
Weltvagabundagen
Tügels groß klingendes Wort für weite, unstete Streifzüge durch die Welt. „Vagabundage“ meint ein Umherziehen ohne festen bürgerlichen Plan; durch „Welt-“ wird daraus eine Lebenshaltung. Rückblickend stellt Tügel diesen Reisen seine tiefe Bindung an die Moorbahn und die norddeutsche Heimat gegenüber.
Orte & Milieu
9 BegriffeBarkenhoff
Der Barkenhoff ist das von Heinrich Vogeler gestaltete Künstlerhaus in Worpswede. Zu Tügels Zeit war er nicht nur Wohnhaus und Atelier, sondern auch Treffpunkt für Kunst, Literatur, Feste und politische Ideen. In der Tügel-Biografie erscheint er als wichtiger Sehnsuchts- und Zufluchtsort.
Bohème / Bohemien
Bohème bezeichnet ein bewusst unbürgerliches Künstlerleben: frei, gesellig, oft unstet und nicht selten von Geldmangel begleitet. Ein Bohemien lebt auf diese Weise. Die Biografie nennt Tügel einen der letzten großen Bohemiens – passend zu seinem Wechsel zwischen Arbeit, Fest, Wanderung, Rausch und Rückzug.
Bronzekeller
Ein literarisches Kabarett in Hamburg, das Tügel mitbegründete und ausmalte. Dort trat er als Dichter, Musiker, Kabarettist und Schauspieler auf. Die Beliebtheit des Lokals führte sogar zum scherzhaften Namen „Hamburger Bronzezeit“ für dieses kulturelle Milieu der 1930er Jahre.
Brunnenhof
Eine von Bernhard Hoetger errichtete Künstlerresidenz bei Worpswede, später Pension und Treffpunkt einer schillernden Künstlergesellschaft. Tügel wohnte zeitweise dort. Der Brunnenhof wurde wegen seiner Gäste sogar polizeilich beobachtet und brannte 1923 ab; dabei gingen auch Arbeiten Tügels verloren.
Künstlerfest
Kein gewöhnlicher Empfang, sondern ein aufwendig inszeniertes Gesamtereignis aus Bühnenbild, Kostüm, Musik, Tanz, Kabarett und bildender Kunst. Die Hamburger Künstlerfeste der 1920er Jahre waren legendär. Tügel entwarf Ausstattungen, organisierte mit und hielt gelegentlich auch die Feier selbst in Bildern fest.
Künstlerkolonie
Ein Ort, an dem sich Künstlerinnen und Künstler dauerhaft oder zeitweise niederlassen, um in Nähe zur Natur und im Austausch miteinander zu arbeiten. Worpswede war eine der berühmtesten deutschen Künstlerkolonien. Für Tügel war sie Arbeitsort, gesellschaftliche Bühne und lebenslange Seelenheimat.
Marcus-Hütte
Tügels um 1930 errichtete Einsiedelei auf dem Gelände des Marcushofs in Worpswede. Die kleine Hütte stand auf hölzernen Stelzen und diente ihm als dichterischer Rückzugsort – in der Biografie treffend als sein „Elfenbeinturm im Moor“ bezeichnet.
Quickhof
Das reetgedeckte Fachwerkhaus in Oese, in das Tügel 1951 zog und in dem er bis zu seinem Tod lebte und arbeitete. Der Hof wurde zum Ort seines späten Werks. Auf der Museumswebsite steht er für Tügels letzte Lebensphase im Raum Bremervörde.
Zinnober
Eigentlich ein leuchtend rotes, historisch aus Quecksilbersulfid gewonnenes Pigment; umgangssprachlich auch „Aufhebens“ oder „Trubel“. „Zinnober“ war zugleich der Name der legendären Künstlerfeste der Hamburgischen Sezession. Tügel war an ihrer Vorbereitung und Gestaltung beteiligt.
Tügel-Wörter & Sprache
45 Begriffeachtern
Seemannssprache für hinten oder am hinteren Teil eines Schiffes. Wenn Tügel schreibt, der Schaum jage achtern, meint er das Kielwasser hinter dem Ewer.
arbeitsbelohnt
Durch eigene Arbeit belohnt und nicht durch bloßes Glück beschenkt. Der Student geht am Ende „arbeitsbelohnt“ nach Hause, nachdem er seinen Doktortitel erworben hat.
backbords
Auf der linken Seite eines Schiffes, wenn man nach vorn blickt. In „Das Ebenbild“ dreht der Ewer backbords auf Wende.
Beileidsraupe
Ein eindringliches Tügel-Wort für den Trauerzug: Die schwarz gekleideten Menschen bewegen sich wie eine Raupe hinter dem Sarg. Die Metapher verbindet Trauer, Masse und langsame Bewegung.
Briefschaften
Ein älteres Sammelwort für Briefe, Schriftstücke und Korrespondenz. Im Postkontor werden die Briefschaften nach vier Dorfschaften geordnet.
Dichterling
Eine verkleinernde, selbstironische Form von „Dichter“. Tügel wollte sich gegenüber seinem Verleger als „einfacher Dichterling“ verstanden wissen: nicht als gelehrter Literaturbetriebener, sondern als jemand, der aus Erde, Erfahrung, Eingebung und unmittelbarem Gefühl schreibt.
Einsiedelei
Ein abgeschiedener Wohn- oder Rückzugsort eines Einsiedlers. Bei Tügel ist damit vor allem seine Marcus-Hütte gemeint. Der Begriff klingt religiös, beschreibt bei ihm aber ebenso den künstlerischen Rückzug aus Gesellschaft, Festbetrieb und Alltag.
entsagungsfromm
Eine ungewöhnliche Verbindung von „Entsagung“ und „fromm“. Das Wort beschreibt ein Herz, das sich dem Verzicht beinahe gläubig hingibt. Tügel bündelt damit in einem einzigen Adjektiv eine ganze Lebenshaltung: Leiden, Selbstbeschränkung und religiös anmutende Ergebung.
Fahrensleute
Ein heute seltenes norddeutsches Wort für Menschen, die beruflich auf Schiffen und Booten fahren – also Seeleute, Fischer oder Schiffer. In Tügels „Ödlandfrauen“ stehen die Fahrensleute für eine alte, vom Wind bestimmte Lebensform, die sich trotz technischer Neuerungen behauptet.
fernekrank
Von der Ferne krank gemacht: rastlos, heimatlos oder vom Drang zum Fortgehen beherrscht. So beschreibt Tügel Menschen, deren Sehnsucht nach der weiten Welt ihre Beziehungen zerstört.
Fernsucht
Eine gesteigerte Form des Fernwehs, fast eine Krankheit oder Sucht nach dem Fortgehen. In „Das Ebenbild“ treibt sie Schiffer aus der vertrauten Deichwelt.
Festtanne
Tügels Bezeichnung für den Weihnachtsbaum. Kei Fang bringt Jutte Fang eine dicht benadelte Tanne zum „Fest der Lichte“.
Fortweh
Ein von Tügel substantiviertes Bild für die Kraft, die einen Menschen aus Heimat und Bindung fortweht. Die „Kralle des Fortwehs“ reißt Peiter Sörn aus seinem Moorboden.
Herbstdasein
Ein Bildwort für den reifen, späten Abschnitt eines erfüllten Lebens. Der Herbst steht dabei für Ernte, Ruhe und den Lohn langjähriger Arbeit.
Immen
Ein poetisches und heute seltenes Wort für Bienen. In „Das Ebenbild“ torkeln Immen über den Malven vor dem Fenster.
Kate
Ein kleines, einfaches ländliches Wohnhaus, meist von ärmeren Bewohnern genutzt. Hinter den Mooren steht in „Das Ebenbild“ eine windschiefe Kate.
kieken
Norddeutsch und plattdeutsch für „schauen“ oder „gucken“. Das Museum verwendet die Einladung „Erst mal selber kieken“ als Motto für eine unmittelbare Begegnung mit Tügels Bildern: erst ansehen, dann erklären und einordnen.
Kleinodie
Die Mehrzahl von „Kleinod“: ein kleines, besonders kostbares oder kunstvolles Stück. Die Biografie bezeichnet Tügels frühe grafische Arbeiten als „graphische Kleinodien“. Gemeint ist nicht unbedingt ein hoher Geldwert, sondern die Feinheit und besondere Qualität eines kleinen Werks.
krängen / krängt
Das seitliche Neigen eines Schiffes durch Wind, Wellen oder Beladung. Tügel beschreibt, wie der Ewer bei der Wende krängt.
Lebewelt
Ein heute altmodisch klingendes Wort für die vergnügungssuchende, gesellschaftlich auffällige Welt von Nachtleben, Festen und mondänen Kreisen. In einem Polizeibericht über den Brunnenhof ist von der Bremer „Lebewelt“ die Rede – mit deutlich misstrauischem Unterton.
leidabseits
Eine knappe poetische Wortbildung: abseits des Leids, vom Leiden entfernt oder ihm scheinbar entrückt. Tügel verbindet ein Gefühl und eine räumliche Richtung zu einem Adjektiv. Gerade solche ungewöhnlichen Zusammensetzungen geben seiner späteren Prosa ihren eigentümlich pathetischen Klang.
Mär
Ein altes Wort für Erzählung, Kunde oder märchenhafte Geschichte. Tügel nennt „Das Erbe des Studenten“ am Schluss selbst eine „Mär“.
Mansardenstübchen
Ein kleines Zimmer direkt unter einem Mansarddach mit schrägen Wänden. Es steht in der Kurzgeschichte für das enge und ärmliche Studentenleben.
Mitfreude
Die Fähigkeit, sich ehrlich am Erfolg und an der Arbeit anderer zu freuen. Tügel stellt sie einem bequemen Leben gegenüber, das nur von den Leistungen anderer zehrt.
Ölfunsel
Eine einfache, schwach leuchtende Öllampe; „Funsel“ bezeichnet umgangssprachlich ein dürftiges Licht. Unter Fred Jenssens Ölfunsel wird das Schicksal der Zwillinge ausgewürfelt.
Oheim
Ein heute veraltetes Wort für Onkel, ursprünglich besonders für den Bruder der Mutter. In „Das Erbe des Studenten“ hinterlässt der Oheim dem Studenten kein Geld, sondern seinen Füllfederhalter.
oheimlich
Eine spielerische Tügel-Wortbildung aus „Oheim“ und dem Klang von „heimlich“ oder „heimisch“. Der „oheimliche Füllfederhalter“ lässt den verstorbenen Onkel im Werkzeug weiterwirken.
Pantinen / Holzpantinen
Holzpantoffeln oder hölzerne Hausschuhe, besonders im norddeutschen und niederländischen Raum. Nore Fang läuft in der Küche auf klingenden Fußkacheln mit hölzernen Pantinen.
Postbesteller / Postausträger
Ältere Bezeichnungen für den Briefträger oder Postzusteller. Kei Fang wird im Roman meist Postbesteller oder Postausträger genannt.
reetgedeckt
Mit einem Dach aus Reet versehen. Reet ist getrocknetes Schilfrohr und war in norddeutschen Moor- und Küstenlandschaften ein traditionelles Baumaterial. Auch Tügels Quickhof in Oese wird als reetgedecktes Fachwerkhaus beschrieben.
Schicksalshand
Eine dichterische Zusammensetzung für die Macht des Schicksals. Beim Würfeln liegt diese unsichtbare Schicksalshand buchstäblich in der Menschenhand.
Schoner
Ein Segelschiff mit mindestens zwei Masten, dessen Hauptsegel in Längsrichtung stehen. Im Roman ertönen im Nebel die Warnzeichen von Ewer, Kutter und Schoner.
Schreibbogen
Ein einzelner Bogen Schreibpapier. In „Das Erbe des Studenten“ bleiben die Schreibbogen zunächst leer und vergilben; später füllen sie sich durch beständige Arbeit.
Strandfledderer
Ein Mensch, der angeschwemmte oder gestrandete Güter an sich nimmt und dabei auch vor Plünderung nicht zurückschreckt. Tügel prägt diese dunkle Berufs- und Charakterbezeichnung für Buun Feinholdt.
Studentenschänke
Eine Gaststätte oder Kneipe, die vor allem von Studenten besucht wird. Der enttäuschte Student will dort zunächst sein letztes Geld vertrinken.
Studiosus
Eine scherzhafte, latinisierende Bezeichnung für einen Studenten. Tügel verwendet sie für den jungen Mann, der erst durch das unerwartete Erbe zu arbeiten beginnt.
Tränenpinsler
Eine humorvolle Selbstbezeichnung Tügels in einem Brief. Der „Pinsel“ verweist auf den Maler, die „Tränen“ auf Melancholie, Gefühl und vielleicht auch eine Portion Selbstmitleid. Das Wort zeigt, wie Tügel sein eigenes Pathos mit Spott brechen konnte.
Transtiefel
Schwere Stiefel, die mit Tran – tierischem Fett beziehungsweise Öl – gegen Nässe geschützt wurden. Sie gehören im Roman zur robusten Kleidung der Deichbewohner.
Uhrkäfig
Tügels Bildwort für das Gehäuse einer Uhr. Darin erscheint die Zeit wie ein gefangenes Wesen, das ächzt und dennoch unerbittlich weiterläuft.
Vergänglichkeitsodem
Eine pathetische Zusammensetzung aus „Vergänglichkeit“ und „Odem“, einem alten Wort für Atem oder Hauch. Gemeint ist der Hauch des Verfalls, den der Tod über Menschen und Dinge legt. Das Wort stammt aus „Das Ebenbild“ und verdichtet Tügels Denken über Tod und Werden.
vernunftleuchtend
Wörtlich: von Vernunft erhellt oder Vernunft ausstrahlend. Tügel fügt ein abstraktes Vermögen und ein sinnliches Lichtbild zusammen. In „Das Ebenbild“ gehört das Wort zu seinen auffälligen, stark bildhaften Adjektivbildungen.
Vordersteven / Steven
Der vorderste, meist hochgezogene Bauteil eines Schiffsrumpfes. Der altertümlich aufragende Vordersteven macht den heimkehrenden Ewer schon aus der Ferne erkennbar.
Wams
Ein eng anliegendes Oberteil oder eine kurze Jacke, ursprünglich Teil historischer Männerkleidung. Bei Tügel werden Namen in das Wams der Zwillinge gestickt und Papiere darin verwahrt.
Wehmutter
Ein älteres Wort für Hebamme. Die Wehmutter begleitet Meene Fang in „Das Ebenbild“ bei der schweren Geburt der Zwillinge.
Zärtlichkeitsgelüst
Ein starkes, körperlich empfundenes Verlangen nach Nähe und Zärtlichkeit. Das Wort macht Nore Fangs unerfüllte Sehnsucht drastisch und zugleich poetisch sichtbar.
Landschaft, Symbol & Lebenswelt
18 BegriffeAußendeich
Bezeichnung für das Land auf der dem Wasser zugewandten Seite des Deiches, das bei hohen Wasserständen überflutet werden kann. In „Das Ebenbild“ liegen dort der Blinkturm, Wege und Häuser der Schifferwelt.
Blinkkreisel / Feuerkreisel
Die rotierende Licht- und Linsenanlage eines Leuchtturms, durch die ein periodisches Blinksignal entsteht. Tügel beschreibt sie als rasselnden Mechanismus und zugleich als singenden Lichtkörper.
Brack
Ein tiefer, wassergefüllter Kolk, der häufig durch einen Deichbruch und die ausspülende Strömung entstanden ist. Tügels Figuren bewegen sich an schilfigen Bracks hinter den Deichen.
Daseinsbaum
Eine poetische Zusammensetzung aus „Dasein“ und „Baum“, die in Tügels Novelle „Das Ebenbild“ begegnet. Gemeint ist das menschliche Leben als etwas Verwurzeltes und Gewachsenes. Selbst wer sich gegen sein Schicksal wehrt, kann diesen Lebensbaum nicht einfach aus seinem Erdreich lösen.
Deichmole
Ein erhöhter, ins Wasser oder an das Deichufer führender Damm- beziehungsweise Uferstreifen. Im Roman wird Jörk Fangs Körper auf eine grasige Deichmole getragen.
Dückdalben
Mehrere in den Hafengrund gerammte und verbundene Pfähle, an denen Schiffe festmachen oder geführt werden. Tügel lässt den Ewer zwischen Dückdalben und Hafenbollwerk vertäuen.
Erdenmutter
Eine mythische Vorstellung der Erde als gebärende, nährende und zugleich wieder aufnehmende Mutter. Bei Tügel kann im Wort „Mutter“ zugleich diese größere Erdenmutter mitschwingen. Auch seine Schwiegermutter Ida Dehmel, die er poetisch „Isis“ nannte, wurde von ihm in diese Rolle erhoben.
Ewer / Frachtewer
Ein kleiner, meist flachbodiger Lastensegler, der besonders auf Elbe, Nordsee und in flachen Küstengewässern eingesetzt wurde. Der Ewer „Pitter Fang“ verbindet im Roman Arbeit, Erbe und Ferne.
Hafenbollwerk
Eine befestigte Kaimauer oder hölzerne Uferkante im Hafen. Gemeint ist hier nicht nur ein einzelner Poller, sondern die feste Begrenzung des Liegeplatzes.
Innendeich
Die geschützte Landseite hinter dem Deich. Tügel stellt sie in „Das Ebenbild“ der offenen, vom Strom und Wind bestimmten Welt des Außendeichs gegenüber.
Kolk
Eine tiefe, durch strömendes Wasser ausgespülte Vertiefung, die als kleiner Tümpel oder Wasserrest bestehen bleibt. Tügel schildert Kolke als Teil der heißen, von Libellen belebten Marschlandschaft.
Moor / Teufelsmoor
Das Teufelsmoor ist die Landschaft nordöstlich von Bremen rund um Worpswede. Für Tügel ist das Moor weit mehr als ein Schauplatz: Es steht für Ursprung, Einsamkeit, Arbeit, Melancholie, Tod und Erneuerung. Sein Satz „Das Moor ist mein Schicksal“ fasst diese lebenslange Bindung zusammen.
Ödland / Ödlandfrauen
Ödland ist karges, wenig fruchtbares oder ungenutztes Land. Tügels Novellenband „Ödlandfrauen“ macht daraus zugleich eine seelische Landschaft: Seine Figuren leben in einer harten, entbehrungsreichen Welt zwischen Wasserwiesen, Arbeit, unerfüllten Wünschen und mythischer Erdverbundenheit.
Rohrschwätzer
Eine ältere oder dichterische Bezeichnung für einen im Schilf lebenden, unablässig rufenden Vogel, wahrscheinlich einen Rohrsänger. Tügel gibt seinen Ruf als knarrend und tropfend wieder.
Tief / Deichtief
Norddeutsche Bezeichnung für einen Wasserlauf oder Entwässerungskanal in der Marsch. In „Das Ebenbild“ liegt der Ewer im flutkluckernden Tief hinter dem Außendeich.
Torfstich
Das Abstechen und Gewinnen von Torf im Moor – und ebenso die dadurch entstandene Abbaufläche. Torf diente lange als Brennstoff. Tügel machte die schwere Moorarbeit zum Bildmotiv; in der Biografie ist unter anderem ein Ölbild „Beim Torfstich“ verzeichnet.
Wettern
Norddeutscher Ausdruck für größere Entwässerungsgräben oder Kanäle in Marschgebieten. Sie strukturieren bei Tügel die flache Landschaft hinter den Deichen.
Wurt / Wurtgehöft
Eine künstlich aufgeschüttete Erhebung, auf der Häuser und Höfe vor Hochwasser und Sturmfluten geschützt liegen; andernorts heißt sie auch Warft. In Tügels Roman „Gold im Nebel“ werden die Höfe auf den Wurten zum Schauplatz harter Lebensbedingungen und über Generationen weitergegebener Konflikte.
Kunst, Material & Technik
27 BegriffeAquarell
Malerei mit wasserlöslichen, meist transparenten Farben. Der helle Malgrund scheint durch die Farbschichten hindurch. Tügels eigene Malweise lag häufig zwischen Aquarell und Ölbild: Er wollte Transparenz bewahren, ohne auf einen sorgfältig aufgebauten Farbauftrag zu verzichten.
aquarelliert
Eine Zeichnung ist „aquarelliert“, wenn ihre Linien nachträglich mit durchscheinender Wasserfarbe ergänzt wurden. Zahlreiche Werkangaben nennen bei Tügel „Federzeichnung aquarelliert“ oder „Bleistiftzeichnung aquarelliert“: Linie und Farbe bleiben dabei als zwei Arbeitsschritte erkennbar.
Aquarellpinsel
Ein weicher, fein zuspitzender Pinsel, der viel Flüssigkeit aufnehmen kann. Laut Biografie setzte Tügel solche Pinsel auch auf Leinwand ein. Damit tupfte er fein abgestufte Farbwerte und baute seine Bilder langsam aus vielen kleinen Setzungen auf.
Bildnis
Ein älteres, in der Kunstgeschichte weiterhin gebräuchliches Wort für Porträt. Ein Bildnis soll nicht nur das Aussehen, sondern möglichst auch Wesen, Haltung oder Stimmung eines Menschen zeigen. Tügel schuf zahlreiche Bildnisse, besonders Zeichnungen von Frauen, Freunden und Weggefährten.
Bildträger
Die feste Grundlage, auf der ein Bild entsteht, etwa Leinwand, Holz oder Papier. Tügel bevorzugte zeitweise Papier, das auf Holz geklebt war. Die besondere Saugfähigkeit dieses Bildträgers gab seinen Farben eine aquarellartige Wirkung.
Bleistiftzeichnung
Eine Zeichnung mit Graphitstift. Das Verfahren erlaubt zarte Grautöne ebenso wie harte Konturen und feine Schraffuren. Tügel nutzte den Bleistift für Porträts, Landschaften, Karikaturen und umfangreiche Bildfolgen; in seinem Werkverzeichnis begegnet die Technik besonders häufig.
Exlibris
Ein meist kleinformatiges, künstlerisch gestaltetes Besitzzeichen, das in ein Buch geklebt wird. Der lateinische Ausdruck bedeutet „aus den Büchern von“. In der Biografie ist ein von Tügel 1915 geschaffenes Exlibris als Radierung verzeichnet.
Farbauftrag
Die Art, wie Farbe auf den Bildträger gebracht wird: dünn oder deckend, glatt, gestrichen oder getupft. Tügels Farbauftrag war häufig fein, langsam und sorgfältig durchgebildet. Selbst unscheinbare Dinge erhielten dadurch eine klare Oberfläche und poetische Präsenz.
Federzeichnung
Eine Zeichnung mit Feder und Tinte. Sie verlangt eine bewusste Linie, weil sich ein Strich kaum korrigieren lässt. Tügel nutzte die Feder für Porträts, Illustrationen und freie Blätter; manchmal ergänzte er die Zeichnung anschließend mit Aquarellfarbe.
gefirnisst
Mit Firnis überzogen. Firnis ist eine transparente Schutzschicht, die Farben satter und die Oberfläche glänzender erscheinen lassen kann. Zeitgenossen beschrieben Tügels gefirnisste Aquarelle als stark schillernd; auch einzelne Bleistiftarbeiten wurden von ihm gefirnisst.
Holzschnitt
Ein Hochdruckverfahren: Nicht druckende Teile werden aus einer Holzplatte geschnitten, die stehen bleibenden Flächen eingefärbt und auf Papier abgezogen. Der kräftige Gegensatz von Schwarz und Weiß eignet sich für konzentrierte Formen; von Tügel sind unter anderem Bildnisse in dieser Technik überliefert.
Jugendstil
Eine Kunst- und Gestaltungsrichtung um 1900, erkennbar an fließenden Linien, Pflanzenformen, Ornamenten und dekorativen Flächen. Tügels frühe Zeichnungen stehen mit ihrer feinen, teilweise märchenhaften Linienkunst noch deutlich unter dem Eindruck des Jugendstils.
Kohlezeichnung
Eine Zeichnung mit Zeichenkohle. Das Material ermöglicht tiefes Schwarz, weiche Übergänge und breite, malerische Spuren. In Tügels Werk begegnet die Kohle besonders bei Porträts, deren Ausdruck zwischen präziser Kontur und atmosphärischer Verdichtung liegt.
Lasur
Eine dünne, durchscheinende Farbschicht. Untere Farben oder die helle Bildfläche bleiben sichtbar und erzeugen Tiefe und Leuchtkraft. Die Biografie beschreibt, wie Tügel Räumlichkeit durch Lasuren und fein abgestufte Farbwerte entwickelte.
Leinwand
Ein auf einen Rahmen gespanntes Gewebe und klassischer Bildträger der Malerei. Tügel trug auch auf Leinwand mit feinen Aquarellpinseln getupfte Farbabstufungen auf. Das zeigt, wie eigenwillig er Werkzeuge und Verfahren verschiedener Maltechniken miteinander verband.
Lichtdruck
Ein hochwertiges fotografisches Flachdruckverfahren, auch Collotypie genannt. Es konnte feine Tonwerte nahezu ohne sichtbares Raster wiedergeben und eignete sich deshalb besonders für Kunstreproduktionen. Tügels Bleistiftfolge „Das traurige Land“ erschien in Lichtdruck.
Mischtechnik
Die Verbindung mehrerer Materialien oder Verfahren in einem Werk, etwa Zeichnung, Wasserfarbe und deckendere Pigmente. Werkangaben zu Tügel nennen mehrfach Mischtechnik. Der Begriff passt zu seiner Neigung, technische Grenzen zwischen Zeichnung, Aquarell und Malerei zu überschreiten.
Ölmalerei
Malerei mit Pigmenten, die in trocknendem Öl gebunden sind. Ölfarbe kann transparent lasiert oder deckend aufgetragen werden. Tügels eigene Spiritusfarben schwebten in ihrer Wirkung nach der Biografie zwischen lasierendem Aquarell und deckender Ölfarbe.
Papier auf Holz
Tügel verwendete bevorzugt Papier, das fest auf eine Holzplatte geklebt war. Das Holz stabilisierte die Fläche, während das Papier Flüssigkeit aufsaugte. So konnte er sehr dünne Farben einsetzen und dennoch auf einem festen, transportablen Bildträger arbeiten.
Pigmentfilm
Eine sehr dünne Schicht aus Farbpigmenten auf dem Bildgrund. So beschreibt die Biografie Tügels Verständnis von Malerei. Die Pigmente wurden mit Wasser oder Spiritus löslich gemacht; entscheidend war nicht pastose Farbmasse, sondern eine feine, transparente Farbhaut.
Radierung
Ein Tiefdruckverfahren. Eine Metallplatte wird mit einer Schutzschicht versehen, die Zeichnung eingeritzt und anschließend durch Säure in die Platte geätzt. Die Vertiefungen nehmen Druckfarbe auf. Tügel nutzte die Radierung besonders für seine frühen, feinlinigen grafischen Arbeiten.
Schwarze Kreide
Ein dunkles Zeichenmaterial, meist aus kohlenstoffhaltigem oder mineralischem Stoff, das feinere und festere Linien als weiche Zeichenkohle erlaubt. In Tügels Werkverzeichnis sind Porträts und Karikaturen in schwarzer Kreide verzeichnet.
Silberstift
Eine alte Zeichentechnik mit einem echten Silberdraht oder einer Silbermine auf speziell grundiertem Papier. Sie erzeugt sehr feine, kaum korrigierbare Linien, die mit der Zeit nachdunkeln können. Die Museumswebsite nennt den Silberstift im Zusammenhang mit der Geschichte eines Tügel-Werks.
Spiritusfarbe
Eine heute seltene Bezeichnung für eine mit Alkohol beziehungsweise Spiritus verarbeitete Farbe. Die Biografie beschreibt Tügels wenig haltbare, aber transparente Spiritusfarben als Wirkung zwischen lasierendem Aquarell und deckender Ölfarbe. Der Begriff ist für die Erforschung seiner Maltechnik wichtig.
Stilleben / Stillleben
Ein Bild aus arrangierten unbelebten Dingen, etwa Blumen, Früchten, Gefäßen oder Alltagsgegenständen. „Stilleben“ ist die ältere Schreibweise; heute schreibt man „Stillleben“. Tügels späte Stillleben zeigen häufig einfache Dinge auf Fensterbänken und verwandeln sie in leise, melancholische Bildgedichte.
Tupftechnik
Ein Farbauftrag aus vielen kleinen Punkten oder kurzen Berührungen des Pinsels. Tügel entwickelte Räumlichkeit durch fein getupfte Valeurs und löste später feste Konturen mit gleichmäßig gesetzten Farbflecken auf. So entstanden Transparenz, Atmosphäre und eine beinahe gewebte Oberfläche.
Valeur
Französisch für „Wert“; in der Malerei der Tonwert einer Farbe, also ihre Helligkeit, Dunkelheit und feine Abstufung im Verhältnis zu den Nachbarfarben. Tügels Malweise wird als Aufbau aus fein getupften Valeurs beschrieben, durch die seine Bilder räumlich und atmosphärisch wirken.
Bildsprache & Stil
17 BegriffeBildraum
Der gedachte Raum innerhalb eines Bildes: Vordergrund, Tiefe, Ferne und die Beziehungen der Formen zueinander. Bei Tügel können Gräser, Blumen und Bäume geradezu aus diesem Raum aufragen. Räumlichkeit entsteht oft weniger durch klassische Perspektive als durch Linien, Lasuren und abgestufte Farbwerte.
Dekor
Schmückende Gestaltung aus Linien, Flächen und wiederkehrenden Formen. Tügels frühe, detailreiche Blätter werden in der Biografie als kunstvolle Dekore beschrieben. Pflanzen und Figuren füllen die Fläche nicht bloß aus, sondern tragen Stimmung, Rhythmus und Bedeutung.
erzählerische Absicht
Ein Bild wird so angelegt, dass es eine Geschichte, einen Vorgang oder ein Schicksal anklingen lässt. Tügels Bilder entstanden laut Biografie häufig in lyrischer oder erzählerischer Absicht. Landschaft, Figur und Symbol funktionieren deshalb oft wie Bestandteile einer visuellen Erzählung.
Expressionismus
Eine Kunstbewegung des frühen 20. Jahrhunderts, die innere Erfahrung stärker gewichtet als naturgetreue Wiedergabe. Tügel nahm expressionistische Elemente auf, ohne sich einer Schule dauerhaft unterzuordnen. Übersteigerung, Pathos und subjektive Stimmung treten bei ihm neben eine genaue Bindung an Naturformen.
graphische Stilisierung
Das bewusste Vereinfachen, Ordnen oder Verformen eines Motivs mit zeichnerischen Mitteln. In Tügels Frühwerk werden Naturformen zu eleganten Liniengebilden und dekorativen Mustern. Die Biografie nennt graphische Stilisierung ausdrücklich als frühen Grundzug seiner Kunst.
Groteske
Eine Ausdrucksform, die Komisches, Übertriebenes, Unheimliches und Absurdes mischt. Tügel setzte sie in Karikaturen, satirischen Szenen und Bühnentexten ein. Die Groteske machte menschliche Eitelkeit und gesellschaftliche Erstarrung sichtbar, ohne bloß realistisch abzubilden.
Karikatur
Eine Darstellung, die auffällige Merkmale übertreibt, um Charakter, Widerspruch oder Kritik sichtbar zu machen. Tügels Karikaturen konnten bissig sein, blieben aber durch seine elegante graphische Handschrift formal gebändigt. Auch Künstlerfreunde und das Worpsweder Milieu wurden zu Motiven.
Linienkunst
Eine Kunst, in der die Linie das Bild stärker bestimmt als große Farbflächen. Tügels frühe Blätter leben von zarten, bewegten und dekorativen Linien. Diese zeichnerische Grundhaltung blieb auch in seiner Malerei erhalten: Die Farbe wirkte mit, gab den Aufbau aber nicht allein vor.
lyrische Absicht
Ein Bild soll weniger erzählen, was äußerlich geschieht, als eine verdichtete Stimmung oder Empfindung hervorrufen. Die Biografie beschreibt Tügels Landschaften und Stillleben als lyrisch empfunden und komponiert. Sie wirken dadurch wie Gedichte mit Farbe, Linie und Atmosphäre.
Malerpoet
Die prägnanteste Selbstbezeichnung Tügels: Maler und Poet zugleich. Sie meint mehr als zwei Berufe, denn bei ihm greifen Bild und Sprache ineinander. Seine Zeichnungen erzählen, seine Landschaften wirken wie Gedichte, und viele Texte denken in starken, bildhaften Szenen.
Naturalismus
Eine Darstellungsweise, die sichtbare Wirklichkeit möglichst genau und ungeschönt wiedergibt. Tügel grenzte sich ausdrücklich davon ab: Er sei kein Naturalist und habe nie ein Bild direkt nach der Natur gemalt. Genauigkeit diente ihm als Ausgangspunkt, nicht als Endziel.
Ornament
Eine schmückende Form, die durch Wiederholung, Rhythmus und Stilisierung wirkt. In Tügels frühen Zeichnungen werden Gräser, Blumen, Linien und Figuren zu einem dichten Geflecht. Ornament ist bei ihm nicht nebensächlich, sondern trägt die besondere Spannung und Handschrift des Bildes.
Pathos
Eine feierliche, stark gefühlsbetonte Ausdrucksweise. Bei Tügel kann Pathos religiöse, mythische oder existenzielle Themen erhöhen; mitunter kippt es bewusst ins Groteske oder Satirische. Für heutige Leser wirkt dieser Ton ungewohnt, gehört aber wesentlich zu seiner Kunstsprache.
Satire
Kunst, die Personen, Verhältnisse oder Denkweisen durch Übertreibung, Ironie und Spott kritisiert. Tügel nutzte Satire in Zeichnungen, Liedern, Kabarett und literarischen Texten. Sein Witz konnte zugleich gesellig, selbstironisch und scharf gegen bürgerliche Konventionen gerichtet sein.
Selbstbildnis
Ein Bild, in dem eine Künstlerin oder ein Künstler sich selbst darstellt. Tügels Selbstbildnisse sind mehr als Ähnlichkeitsstudien: Sie begleiten seine Selbstdeutung und sein Nachdenken über Alter, Rolle, Künstlertum und Vergänglichkeit.
Stück Literatur im Bild
Tügels prägnante Formel für seine Malerei: 1943 erklärte er, in jedem seiner Bilder sei „ein Stück Literatur“. Gemeint ist, dass ein Bild bei ihm nicht nur Sichtbares wiedergibt, sondern Gedanken, Erzählung, Mythos und dichterische Stimmung in sich trägt.
Überzeichnung
Das bewusste Verstärken oder Übertreiben eines Merkmals. Tügel setzte Überzeichnung ein, um Figuren charakteristischer, komischer oder unheimlicher wirken zu lassen. Sie verbindet seine graphische Stilisierung mit Karikatur, Groteske und satirischer Kritik.
Schaffensprozess
13 BegriffeAuftragsarbeit
Ein Werk, das für eine bestimmte Person oder einen konkreten Zweck bestellt und bezahlt wird. Porträts, Illustrationen, Ausmalungen und Festdekorationen waren für Tügel nicht nur Kunst, sondern zeitweise auch Broterwerb. Künstlerische Freiheit und wirtschaftliche Notwendigkeit lagen nah beieinander.
Autodidakt
Jemand, der sich Kenntnisse und Fertigkeiten weitgehend selbst aneignet. Tügel besuchte zwar einige Semester die Hamburger Kunstschule, entwickelte seine spätere bildnerische Methode aber im Wesentlichen eigenständig. Die Biografie nennt ihn deshalb ausdrücklich einen Autodidakten.
Eingebung
Ein plötzlich auftauchender schöpferischer Einfall, der sich nicht vollständig planen lässt. In einer zeitgenössischen Erinnerung heißt es, Tügels eigene Musik quille aus dem Augenblick der Eingebung. Der Begriff passt auch zu seinem Selbstverständnis als intuitiv arbeitender Malerpoet.
Entäußerung
Ein starkes Sich-Ausdrücken oder Sich-Verströmen. Die Biografie beschreibt Tügels Leben als Wechsel zwischen „eruptiver schaffender Entäußerung“ und tiefer Lethargie. Kunst entstand bei ihm demnach nicht im gleichmäßigen Takt, sondern in Phasen großer innerer Freisetzung.
Erinnerungsbild
Ein Bild, das nicht direkt vor dem Motiv, sondern aus dem Gedächtnis entwickelt wird. Tügel malte nach Aussage der Biografie nicht vor der Natur. Er verwandelte Gesehenes in Erinnerung und verband es dort mit Stimmung, Erzählung und persönlicher Empfindung.
Komposition
Die bewusste Anordnung aller Teile eines Werks. Tügel komponierte Landschaften aus wiederkehrenden Elementen wie Moor, Himmel, Bäumen und Figuren immer neu. Weil er nicht vor dem Motiv malte, entstand die Ordnung des Bildes aus Erinnerung, Empfindung und symbolischer Absicht.
Naturbeobachtung
Das aufmerksame Studium von Pflanzen, Landschaft, Wetter, Körpern und Dingen. Tügel beobachtete genau, verwandelte das Gesehene aber in eine innerliche Bildwelt. Seine Kunst verbindet deshalb sachliche Kenntnis der Natur mit Erinnerung, Stilisierung und poetischer Deutung.
Schaffensfreude
Die Freude, die aus konzentriertem, fortschreitendem Arbeiten und Gestalten entsteht. Sie ersetzt beim Studenten nach und nach Tagträumerei und bloße Hoffnung.
Schaffensrausch
Eine Phase intensiver, beinahe berauschter Produktivität. Die Biografie schildert, wie Tügel in solche Zustände hineingeriet und danach in Erschöpfung oder Lethargie fallen konnte. Der Begriff beschreibt seinen ungleichmäßigen Arbeitsrhythmus zwischen Überschwang und Stillstand.
schöpferische Gezeiten
Ein Bild für das Kommen und Gehen kreativer Kraft wie Ebbe und Flut. Die Biografie verwendet diese Formulierung für Tügels wechselnde Produktivität. Sie macht verständlich, warum Zeichnung, Dichtung, Musik und Geselligkeit in seinem Leben nicht gleichmäßig, sondern in Wellen auftraten.
skizzenloses Arbeiten
Das Entwickeln eines Bildes ohne vorbereitende Studien. Ein Zeitzeuge berichtet, Tügel habe häufig keine Skizzen angefertigt, sondern das kurz Gesehene unmittelbar aus seinem Gedächtnis gestaltet. Diese Arbeitsweise setzte genaue Beobachtung, visuelle Erinnerung und große zeichnerische Sicherheit voraus.
Sorgfalt
Das geduldige, genaue Durcharbeiten eines Werks. Trotz seiner spontanen und rauschhaften Lebenshaltung war Tügels bildnerisches Verfahren häufig langsam und penibel. Die Biografie betont, wie er selbst triviale Gegenstände durch sorgfältige Behandlung poetisch aufwertete.
zeichnender Lyriker
Eine zeitgenössische Charakterisierung Tügels, ergänzt durch die Umkehrung „lyrischer Zeichner“. Sie fasst seine Doppelbegabung zusammen: Er denkt beim Schreiben in Bildern und beim Zeichnen oder Malen in Stimmungen, Rhythmen und poetischen Bedeutungen.
Literatur, Musik & Bühne
12 BegriffeAusstaffierung
Eine heute altmodisch klingende Bezeichnung für die vollständige Ausstattung eines Raums, Festes oder Bühnenereignisses. Tügel wirkte an den aufwendigen Hamburger Künstlerfesten mit und gestaltete dabei Dekorationen, Kulissen und atmosphärische Gesamtbilder.
Illustration
Ein Bild, das einen Text, Gedanken oder erzählerischen Zusammenhang sichtbar macht. Bei Tügel ist die Illustration nicht bloß Beigabe: Bild und Literatur durchdringen einander. Für seinen Roman „Die große Stille“ plante er sogar selbständige Bilder, getrennt vom Wort.
Improvisation
Spontanes Gestalten im Augenblick, ohne vollständig festgelegte Vorlage. Tügels musikalisches Spiel und seine eigenen Melodien werden als einmalige Eingebungen geschildert. Improvisation bezeichnet hier eine Kreativität, die im Vollzug entsteht und nicht unbedingt als fertiges Werk bewahrt wird.
Kabarett
Eine Bühnenform aus Lied, Text, Schauspiel, Satire und direkter Ansprache des Publikums. Im Hamburger Bronzekeller trat Tügel als Dichter, Musiker, Schauspieler und Mitgestalter auf. Sein kreatives Arbeiten war dort zugleich bildnerisch, literarisch, musikalisch und performativ.
Mien und Dien
Plattdeutsch für „Mein und Dein“. So heißt Tügels 1921 erschienenes Theaterstück, ein plattdeutscher Totentanz. Schon der Titel berührt eine Grundfrage des Stücks: Was gehört einem Menschen wirklich – und was bleibt davon angesichts des Todes?
Moder-Songs
Humorvolle, bissige Lieder über die Schicksale der Worpsweder Künstler, die Tügel gemeinsam mit seinen „Mitmenschen“ für das Torfquartett Hammeglück schrieb. Der Titel ist bewusst mehrdeutig: Er klingt nach „modern songs“, passt ins Teufelsmoor und bereitet die Wortspiele mit dem Malernamen Modersohn vor.
Novelle
Eine kürzere Prosagattung, meist um ein außergewöhnliches Ereignis oder einen konzentrierten Konflikt gebaut. Tügel schrieb neben Gedichten, Theaterstücken und Romanen auch Novellen. Darin konnte er seine bildhafte Sprache, symbolische Motive und zugespitzten Schicksalsfragen verbinden.
Quetschkommode
Eine liebevoll-spöttische Bezeichnung für Akkordeon oder Ziehharmonika. „Quetschen“ meint das Zusammendrücken und Auseinanderziehen des Balgs. Tügel zog in Brillit abends mit seiner Quetschkommode von Haus zu Haus und verband so Musik, Geselligkeit und dörfliches Leben.
Romanarbeit
Das langfristige Entwickeln eines umfangreichen erzählenden Werks. In Tügels späteren Jahren gewann das Epische an Bedeutung. Seinen Roman „Die große Stille“ wollte er ausdrücklich langsam wachsen lassen – ein Gegenbild zu seiner sonst oft eruptiven, augenblicksgebundenen Kreativität.
Totentanz
Ein seit dem Mittelalter verbreitetes Bild- und Literaturmotiv: Der Tod führt Menschen aller Stände zum Tanz und zeigt, dass niemand ihm entkommt. Tügels „Mien und Dien“ wird als plattdeutscher Totentanz bezeichnet; auch „Das traurige Land“ erinnert an einen Totentanz der Moorbewohner.
Troubadour
Ursprünglich ein mittelalterlicher Dichter und Sänger, der seine Verse selbst vortrug. Die Biografie nennt Tügel den „Troubadour“ Worpswedes: Er dichtete, sang, musizierte, unterhielt Gesellschaften und verwandelte Erlebnisse oft unmittelbar in Kunst.
Zehnpullengesang
Ein von Tügel geprägter Titel für ein Trinklied: „Pulle“ ist umgangssprachlich eine Flasche. Der 1921 entstandene Gesang war seinem Freund und „Zechkumpanen“ Udo Peters gewidmet. Der übertriebene Titel verbindet Freundschaft, Kneipenhumor und poetische Selbstinszenierung.
Literatur & Werk
1 BegriffeFüllfederhalter / Füller
Ein Schreibgerät mit eigener Tintenreserve, das nicht ständig in ein Tintenfass getaucht werden muss. Der geerbte Montblanc-Füller wird in der Kurzgeschichte zum Werkzeug der Selbstdisziplin und des Erfolgs.